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Gedanken zum Besuch des Seelotsen auf den Azoren:
Vergangenheit und Gegenwart - Traum und Alptraum
Ich verliere jedes Zeitgefühl.
In aller Frühe am 2. Morgen in Horta komme ich langsam wieder zu mir in dem Wechselspiel zwischen 25jähriger Vergangenheit und heute.
Aber dieses Heute ist eigentlich nicht real, eher virtuell.
Wenn ich so aus der Gegenwart der Zivilisation des täglichen Lebens falle und in die Vergangenheit vor 25 Jahren abtauche, dann habe ich so meine Schwierigkeiten, die Gegenüberstellung zu verarbeiten. Die Erinnerung, die Realität in der aktuellen Welt, in der ich zu Gast bin.
Alles vermengt sich in einem riesigen Seglereintopf in Peters Sportcafe.
Tausende von Tagen an Segelerfahrung vermengen sich hier mit den vielen Landessprachen auf mal eben 60 qm Kneipe. Aber auch dort ist nichts mehr wie es einst war.
1984 war ich das letztemal hier mit der „SANIBONANI“.
Mein Maling von damals besteht nur noch aus Fragmenten, ohne das Erinnerungsfoto von damals hätte ich es nie gefunden.
Gin Tonic war damals das Hausgetränk, zu jeder Tages- oder Nachtzeit konnte man mit „Eastcaribien“ Dollar bezahlen. An einer Schultafel waren die jeweiligen Wechselkurse mit Kreide angeschrieben – kein besonders günstiger Kurs – aber wer kam denn aus der Caribic und hatte schon Escudos dabei! Für das erste warme Essen und ein paar Drinks war das okay. „Gin Tonic“ sind ebenso Vergangenheit wie das Stück Schultafel. Aber das Flair ist immer noch unschlagbar.
Wenn man es nicht selbst erlebt hat, kann man es schwer beschreiben.
Nach 20 Tagen Atlantik gegen widrige Winde, bei häufig schlechtem Wetter und Wellen so hoch wie Gebirge, einfachem Essen, das nicht endende Geschaukel, kaum Lebensqualität und endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, mit 80 anderen Schicksalen zusammengepfercht auf so engem Raum.Das Sprachenwirrrwarr um mich herum, die sonnenverbrannten glühenden Gesichter, die langsam schwerer werdenden Stimmen; Cape Town, Salvador de Bahia, Georgetown, Rio – die Namen der Orte – die Geschichten – die Empfindungen in den Gesichtern – der Wind draußen – der Atlantik vor der Tür, es fällt schwer, nur annähernd einen Eindruck vermitteln, der immer nur so subjektiv sein kann, wie wir Menschen eben alle anders empfinden. Eben Horta auf den Azoren.
Vieles ist geblieben, zB: die Einheimischen auf der Strasse, die mir auf dem Bürgersteig begegnen, weichen hier nicht aus. Eine Berührung/Kollision mit dem Entgegenkommenden ist nur durch Seitenschritt zu vermeiden. Sie lassen die Schulter einfach stehen. Das fiel mir damals schon auf. Ein Lächeln ist selten.
Die Yachties hingegen nicken gern und machen auch alle Platz. Man erkennt sie schon von weitem an der Kleidung , an den braunen Gesichtern und am Gang.
Aber mit den Yachten hat es andere Dimensionen angenommen:
Wo es früher nur Segler gab – mehr oder weniger verrückt – viele kleinere Yachten, ein paar größere vielleicht, so stellt sich heute die Szene anders dar.
Auch räumlich hat sich alles verändert. Früher spielte sich alles an der langen Kaimauer ab, es mischte sich groß und klein, schräg und fein; im 10er Päckchen, davon 20 – 30 hintereinander. Jeder hat den Nachbarn ausgehalten und das gern. Man nahm Rücksicht wo es not tat, man half sich beim Verholen, die Ablegemanöver aus solchen Päckchen waren abenteuerlich. Vor Anker gingen, die spontan kein Platz fanden. Gekostet hat es nichts.
Der Zeit angepasst gibt es jetzt Stege und feste Plätze genug. Obwohl, der Hafen ist teilweise brechend voll. Ankern darf man nur in Ausnahmefällen u. bei Überbelegung der festen Plätze.
Aber die Mehrklassengesellschaft ist auffällig. Es fallen Begriffe wie „Low Budget Sailor“ oder „Kreidefelsen“ .
Ganz oben die „Kreidefelsen“ mit und ohne Hubschrauber an Deck, sie werden begafft und gegoogelt. Dann die gewerblich Besegelten ,wo immer dann gefeiert wird ,wenn die Eigner von Bord sind; ansonsten läuft deren Arbeitsdienst reibungslos!
Die Charteryachten mit Skipper und zahlender /bezahlter Crew sind ein Grüppchen für sich. Aber auch bei den „Privaten“ entscheidet und unterscheidet doch ganz klar die Größe des Portemonnaie den Umgang.
Doch noch viel interessanter ist das Zusammentreffen der sozialen Unterschiede auf den unterschiedlichen Ebenen. Eigener Status und getragenes Sozialverhalten sind interaktiv und fein abgestimmt. Ungeschriebene Regeln werden akzeptiert und wehe wenn sie ignoriert werden! Nur mit Eigner an Bord!
1984 gab es noch eine tradierte Regel, am Sonntagvormittag trafen sich alle Segler auf der größten Yacht im Hafen zum Empfang und Umtrunk.
Es war damals ein 38 m Stagsegelschoner, man durfte in die Rahen aufentern und der Kaptain spendierte ein 50 l Fass Rotwein.Damit der Wein nicht oxydierte, goß man Speiseöl ins Faß – und wer als erstes das Öl erwischte bezahlte eben das neue Faß. Es wurde aber nicht richtig leer,merkwürdig.Eine angenehm natürliche Begrenzung der Gastfreundschaft.
Heute nicht mehr ansatzweise denkbar!
